BESONDERE SCHWIERIGKEITEN MIT DEM RECHNEN

Rechenschwäche oder Rechenstörung

Das Thema "Besondere Schwierigkeiten beim Rechnen Lernen" oder kurz "Rechenschwäche" oder "Rechenstörung/ Dyskalkulie" ist mächtig, es bereitet den Betroffenen Sorgen. Seit ungefähr zehn Jahren wurden und werden eindrucksvolle Erkenntnisse der Hirn- und Lernforschung hierzu erarbeitet. Hier das Wichtigste:

  • Die Erforschung der Rechenschwäche bzw. der Dyskalkulie, also ihrer Ursachen und Symptome steckt immer noch in den Kinderschuhen. Das zeigt sich auch darin, dass diese Bezeichnungen und auch Kriterien der Bestimmung oft unterschiedlich verwendet werden. Es werden viele mögliche Ursachen und Zusammenhänge untersucht und man geht heute von einer sehr individuellen und auch Multi-kausalen Verursachung aus: neuropsychologisch-kognitive (Wahrnehmung, Verarbeitung, Speicherung), soziokulturelle, familiäre, genetische und schulische Ursachen.
  • Auch die Entwicklung nachgewiesenermaßen wirksamer Methoden zur Diagnose und Förderung liegt noch in den Anfängen und ist oft nicht ausreichend.
  • Hirn- und Lernforscher sind sich einig, dass es oft schwer ist zu sagen, woran Mathesorgen im Einzelfall liegen. All zu oft sind Probleme mit Mathe multi-faktoriell (also es gibt mehrere problematische, schwächende Faktoren). Dazu zählt auch die persönliche Schulhistorie, denn nicht jedes Kind findet den Zugang zur Mathematik über den gegebenen, oft material-reduzierten und zeitlich gestrafften Schulunterricht.
  • Da Studien sehr voneinander abweichen, variieren auch die Ergebnisse: etwa 2-7 % der Schülerschaft sind betroffen.
  • Ohne eine individuell hilfreiche, professionelle Lernbegleitung bleiben die Schwierigkeiten bestehen und können folglich zu Einschränkungen im schulischen, beruflichen aber auch im privaten Bereich der Betroffenen führen.
  • Die ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation beschreibt sie als "umschriebene Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden." 
  • Die Lern-Schwierigkeiten der Kinder sind typische Schwierigkeiten auf dem Wege des Mathe Lernens. Allerdings sind die Schwierigkeiten vielfältiger und anhaltender als es typischerweise der Fall ist. Sie betreffen die mathematischen Grundlagen: (1) Mengen-Verständnis, (2) Zahlsymbol-Verständnis und (3) Operationsverständnis. Des weiteren spielen übergreifende Aspekte eine Rolle: kognitive wie (1) Gedächtnis und (2) gedankliche Steuerungs-/Exekutivfunktionen sowie sensorische wie (3) Raumorientierung und (4) Wahrnehmung (visuell, auditiv, körperlich).

Diagnostik von Rechenschwäche und Rechenstörung

Die heutigen Diagnosemethoden zur Dyskalkulie sind derzeit i.d.R. noch nicht ausreichend validiert. D.h. ihre potentielle Messgüte und Aussagekraft ist oft (noch) nicht belegt. 

  • Im Rahmen einer Dyskalkulie-Diagnostik werden grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen, Mengen und Rechenaufgaben sowie die allgemeine Intelligenz getestet. Die Ergebnisse
    • zeigen den Lernstand im Vergleich zu den üblichen schulischen Anforderungen
    • dienen als nachweisliche Unterlagen für die Schulbürokratie und ggf. eine weitere Förderung bzw. Kostenübernahme
    • geben NICHT unbedingt Einblicke in die Ursache der individuellen Schwierigkeiten
  • ACHTUNG - Mit der Dyskalkulie-Diagnostik muss respektvoll, informiert und mit Vorsicht umgegangen werden. Fragen Sie unbedingt nach, wie genau diagnostiziert wird/wurde.

  • Sehr wichtig ist es, eine gesunde Distanz zu den Ergebnissen zu behalten und das Kind zu schützen vor einem begrenzenden Selbstbild. Lieber "da stehen wir also und mal sehen, wie du nun weiterkommen kannst mit deiner Mathematik"! (siehe unten)

S3-Leitlinie zu Rechenstörungen


Die S3-Leitlinie zu Rechenstörungen hat die aktuellen Verfahren zur Diagnostik und Förderung untersucht und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eingestuft. Grundsätzlich empfiehlt sie einen professionellen, intensiven und umfassenden Ansatz. 


Selbstbild des Lernenden schützen

Die Ergebnisse einer Dyskalkulie-Diagnostik sollten verstanden werden als Status der aktuellen Rechenkompetenz und zur Einleitung gezielter Fördermaßnahmen, NICHT als Leben-Stigma "Mathe-schwach". 

 

Denn Vorsicht, psychologische Studien zeigen, dass ein Dyskalkulie-Etikett das weitere Mathe Lernen massiv beeinflussen kann. Hier greift die unbewußte Steuerung, das Selbstbild ist geschwächt und Lernmotivation sowie Lernverhalten passen sich entsprechend an. Dieser Teufelskreis darf nicht in Gang gesetzt werden. 

Wir wollen Kinder behutsam beim Lernen begleiten und Sorgen vermeiden ...

Empfehlungen zum Weiterlesen

Im Internet finden sich sehr sehr viele Informationen hierzu. Bitte folgen Sie offiziellen und seriösen Seiten: