Beim Stöbern in “Tinas AHA!” dachten Sie an Ihre eigenen Erlebnisse als Schülerin. Woran genau hat das Buch Sie erinnert?

Ich hatte in der 12. Klasse ein solches Mathe-Aha-Erlebnis: Erst kurz vor dem Schulabschluss wurde mir klar, dass man Mathe lernen kann. Damals befürchtete ich, dass meine schwachen Matheleistungen mein Abitur gefährden würden. Eine Freundin riet mir, die Rechenwege zu lernen, so dass ich zumindest Basispunkte sammeln könne. Ich wollte sie nur auswendig lernen, mit dem Lernen kam allerdings fast unbemerkt das Verstehen. 

Das war ein extrem positives Erlebnis, das in einer, für meine Verhältnisse, sehr guten Matheklausur mündete. Bis dahin war ich der Auffassung, dass Mathe ein Fach ist, das man kann oder eben nicht. Und ich konnte es nicht, weil ich das entsprechende Talent dafür anscheinend nicht hatte. Das wurde mir so als Trost auch in meiner Familie weitergegeben: „Wir waren auch nie gut in Mathe, das haben wir dir wahrscheinlich vererbt.“


 

Wie war der Matheunterricht für Sie, was dachten Sie über Mathematik?

In der Grundschule hatte ich ein entspanntes Verhältnis zum Fach Mathematik. Ab der 6. Klasse war Mathematik dann aber mein Angstfach Nummer 1. Ich bin irgendwann schon mit der Einstellung in den Unterricht gegangen, dass es keinen Sinn hat, besonders aufmerksam dem Unterricht zu folgen, da ich es ja sowieso nicht verstehen würde. In Tests hatte ich häufig Blackouts und konnte überhaupt kein Wissen mehr abrufen.  

 

Unterrichtserfahrungen prägen das Selbstbild eines Kindes und nachgewiesenermaßen auch
dessen Lernvermögen. Erinnern Sie sich an derartigen Erfahrungen im Mathe-Unterricht?

Ein Mathelehrer hat uns der Reihe nach zum Vorrechnen an die Tafel geholt. Wenn ich dran gewesen wäre, sprang er oft in andere Sitzreihen, um dortige Schüler nach vorn zu rufen oder hat mich direkt übersprungen. Damals war ich zwar froh, nicht an die Tafel zu müssen, aber es hat auch die Botschaft vermittelt, dass es schon klar sei, dass ich die Aufgabe auch mit seiner Unterstützung nicht lösen können und das Ganze nur Zeit vergeuden würde. 

Diese Situation hat mich in der Haltung bestärkt, das ich in Mathe sozusagen ein hoffnungsloser Fall war. Leider haben weder er noch ich ein Gespräch über diese Situation gesucht. 

 

Wie war es für Sie damals: Konnten Sie mit jemandem über Ihr Lernen und über Mathe sprechen und
eine hilfreiche Perspektive entwickeln? Erhielten Sie Lernhilfe außerhalb des Klassenzimmers?

Leider nicht. Ich hatte nie Nachhilfe oder eine andere Lernunterstützung in Mathe. Im Nachhinein denke ich, dass ich mit Hilfe von außen schon weit früher zu der Erkenntnis hätte kommen können, dass man Mathe wie jedes andere Fach auch lernen kann – außer vielleicht Sport, aber das ist eine ganz andere Geschichte …

 

Mit welchem Gefühl hinsichtlich Mathe haben Sie die Schule verlassen?

Nach meinem Aha-Erlebnis habe ich intensiver gelernt und konnte die Schule mit einer für mich passablen Leistung abschließen. Schwierig war natürlich, dass der Lernstoff in Mathematik aufeinander aufbaut und mir viele Grundlagen fehlten. Man kann sagen, Mathe und ich sind versöhnlich auseinandergegangen, aber enge Freunde konnten wir nicht mehr werden. 

 

Und heute? Welche Rolle spielt die Mathematik heute in Ihrem privaten und beruflichen Leben? 

Als Online-Redakteurin des Betzold-Blogs (https://www.betzold.de/blog/) komme ich nur am Rande mit der Welt der Zahlen in Kontakt. Aber ohne Mathe geht es auch hier nicht: Zu meinem Aufgabenbereich gehört auch die Auswertung der Daten des Blogs.

 

Mit all Ihrer Erfahrung, was wünschten Sie sich für das Mathelernen und für Matheschüler und für Mathelehrkräfte?

Zum Glück hat sich im pädagogischen Bereich ja einiges getan im Vergleich zu meiner Schulzeit vor gut 20 Jahren. Visuelle Hilfsmittel, abwechslungsreiche Methoden und neue didaktische Konzepte schaffen viele tolle Möglichkeiten für das Mathelernen. 

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass Schüler:innen Mathelehrkräfte an ihrer Seite haben, die deutlich machen können, dass jeder Mathe lernen kann. Vielleicht fällt es dem einen leichter und andere brauchen eine spezielle Förderung, aber niemand ist ein hoffnungsloser Fall. 

Um die Gründe für Lernhindernisse in Mathe besser einschätzen zu können, würde ich mir für Lehrer:innen bei Bedarf passende Fortbildungsangebote wünschen.