MATHE LERNEN GEHT!

Rechenstörung muss nicht sein

Und natürlich haben wir den Anspruch dies nicht einfach so daher zu sagen. Dass Mathe Lernen geht, belegen zahlreiche Untersuchungen. Es ist im Einzelfall gar nicht leicht zu sagen, worin die Schwierigkeiten bestehen; da ist es schon wichtig genau und umfassend hinzuschauen. Moderne Etiketten wie Rechenschwäche, Rechenstörung und Dyskalkulie werden manches Mal zu schnell vergeben. Die großen Aha-Effekte aus diversen Studien der Lern- und Hirnforschung sind:

  • Bereits Säuglinge zeigen natürlicherweise grundlegende mathematische Fähigkeiten ("Zahlensinn"), sie erkennen Mengen, Häufigkeiten und Veränderungen. Unsere Gehirne bringen also die biologischen Voraussetzungen für Mathe-Lernen natürlicherweise mit.

  • Kindergartenkinder erspielen sich entscheidende mathematische Basiskompetenzen (erste Erfahrungen bilden "Vorläuferfertigkeiten"). Das frühe schulische und weitere Mathe-Lernen baut hierauf auf. Es ist wie eine erste Fremdsprache zu lernen: neue Vokabeln, Symbole, Zusammenhänge, Möglichkeiten. Die gekonnte Begleitung in und durch die Welt mathematischer Ideen, Handlungen und Überlegungen ermöglicht, bereichert und verfeinert die Entwicklung ihrer mathematischen Einsichten und Kompetenzen..

  • Es ist nicht leicht für einen Lernenden eindeutig zu sagen, wo die persönlichen Schwierigkeiten beim Mathe Lernen liegen, und warum eigentlich. Oft sind es keine inhaltlichen Defizite des Lernenden, Ursachen finden sich ebenso häufig in emotionalen Aspekten des Lernenden, einer ungenügenden Beschulung oder in manch einem Fall auch im privaten Umfeld.

  • Die Erforschung von Themenbereichen wie Dyskalkulie steckt in den Kinderschuhen. Diagnosemethoden hierzu sind sehr unterschiedlich und allzu oft nicht ausreichend validiert; ihre potentielle Aussagekraft ist damit oft (noch) nicht belegt.

  • Erfolgreiche Lehrer und Schulen zeigen, dass ein reichhaltiger Matheunterricht einen viel größeren Anteil der Schüler erfolgreich Mathe erlernen läßt, und das mit Spaß.

  • Alte Vorstellungen über Mathe (Mythen) können Mathe-Lernen behindern und die Leistungsfähigkeit stören. Das gleiche gilt für die erkannte Mathe-Angst, die Lernende leider recht schnell entwickeln können und leider manches Mal nicht so schnell loswerden können.

Wie Mathe lernen können?

Wir konnten unser Hirn beim Arbeiten bisher nicht beobachten. Also konnten wir nur vermuten was unser Hirn alles kann und wie es funktioniert. So entstanden hinderliche Gerüchte z.B. über Mathe. Diese Zeiten sind aber vorbei. Mit modernen Technologien können wir unser Hirn seit einigen Jahren beobachten. Endlich beginnen wir zu verstehen, WIE wir lernen und wie wir GUT lernen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind maßgeblich für erfolgreiches "Mathe lernen", für erfolgreiches Lernen überhaupt:

  1. Jeder kann erfolgreich Mathe lernen
  2. Das "Talent-Gerede" ist nachweislich falsch und schadet 
  3. Hirn und Hirnleistung wächst mit Lernanstrengung
  4. Schnellrechnen und Zeitdruck bremsen das Gedächtnis aus
  5. Matheleistung wird maßgeblich beeinflusst von Erwartungen
  6. Visualisierte Aufgabenstellungen sind besonders wirksam
  7. Prüfungen müssen hirn-freundlich sein
   ... hier weitere Einzelheiten dazu lesen

Nachdem die Forschungsgemeinschaft sich in den vergangenen 20 Jahren vor allem auf "Lesen Lernen" konzentriert hatte, haben Forscher in den vergangenen 10 Jahren zunehmend "Mathe Kernen und Lehren" studiert. Es wäre übertrieben zu sagen, wir wüssten nun wie. Aber, erfolgsversprechende Lehr-Lern-Ansätze werden deutlicher. Neben einem lernfreundlichen Umfeld, hilft beim Mathe Lernen

  • Bilder, Grafiken erstellen zu Aufgaben und Lösungsideen 
  • selbst aktiv sein und ausprobieren, nachfragen, wiederholen, beschreiben, darstellen
  • neugierige Fehleranalyse und -besprechung mit dem Ziel mehr zu verstehen

Auf diesem Weg gibt es natürlich auch Hindernisse, denn nicht alles lernt sich wie von selbst und geradlinig. Manchmal braucht es hilfreichere Erfahrungen oder mehr davon, denn jedes Kind lernt auf dem eigenen Weg. Manchmal führen (unerkannte) Lücken oder Missverständnisse in die Sackgasse. Manchmal liegen die Schwierigkeiten am früheren oder aktuellen Lernumfeld. Manchmal sind es andere persönliche Aspekte, die Mathe im Wege stehen. Oder vieles mehr; nur selten hat ein Kind besondere und andauernde Schwierigkeiten damit Mengen oder/und Zahlen zu erfassen, zu verstehen bzw. mit ihnen umzugehen/ zu operieren (also eine sogenannte "Rechenstörung oder auch Dyskalkulie"). Wie Hindernisse also verstanden werden und zu welchem Zeitpunkt sie wie angegangen werden, ist sehr wichtig für das Wohlergehen, für die weitere Entwicklung des Kindes und die weitere Lernkarriere des Schülers. 

 

Ein Wort zu Dyskalkulie

Hier noch eine Ergänzung: das Thema Dyskalkulie sollte respektvoll, kompetent und mit Vorsicht verfolgt werden. Hirn- und Lernforscher sind sich einig, es ist schwer zu sagen, woran Mathesorgen im Einzelfall liegen. Man darf skeptisch sein bzgl. grundsätzlicher Defizite, denn all zu oft sind Probleme mit Mathe schulisch bedingt. Nicht jedes Kind findet den Zugang zur Mathematik über den gegebenen, oft material-reduzierten und zeitlich gestrafften Zugang den viele Schulen bieten.

 

Gegebene Dyskalkulie-Diagnostiken basieren auf dem aktuellen Wissenstand der Forschung hierzu und dieser ist "in Arbeit". Hier gibt es gut geprüfte und validierte Verfahren sowie weniger wirksame. Die S3-Leitlinie zu Rechenstörungen hat die besten Verfahren hierzu identifiziert. Fragen Sie unbedingt nach, wie genau diagnostiziert wird/wurde.

 

Die wie auch immer Ergebnisse einer Dyskalkulie-Diagnostik sollten verstanden werden als Status der aktuellen Rechenkompetenz und zur Untermauerung von Förderbedarf, aber nicht fürs Leben als "Mathe-schwach" stigmatisieren. Man muss vorsichtig sein, weil ein Dyskalkulie-Etikett leider ein Ticket zum mathematischen Ausstieg sein kann. Das weitere Lernen kann massiv von diesem "Etikett" beeinflusst oder sogar behindert werden. Hier greift die unbewußte Steuerung, die eigene Lernklarheit ist geschwächt, das Selbstbild gefärbt und Lernmotivation sowie Lernverhalten passen sich entsprechend an. Dieser Teufelskreis darf nicht in Gang gesetzt werden. Jedes Kind kann Mathe lernen!